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Sonntag, 9. März 2014

Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Hebammen klaut!

Gestern habe ich eines meiner demokratischen Grundrechte wahrgenommen und bin für eine Sache auf die Straße gegangen, die mir sehr am Herzen liegt: Es ist erschreckend, dass es ab Juli 2015 keine freiberuflichen Hebammen mehr geben wird, sofern sich nichts dramatisch ändert!

Kurz zu den Hintergründen:
Hebamme ist ein uralter Berufsstand, über Jahrhunderte haben nicht etwa Ärzte die Kinder auf die Welt geholt, wie es weithin angenommen wird. Frauen mit dem Wissen von Generationen, wie eine Geburt vonstatten geht und was man tun kann, wenn es nicht ganz so rund läuft, haben seit jeher die Schwangeren über den Zeitraum vor, während und nach der Geburt begleitet und betreut. Und das alles wird es in unserem fortschrittlichen Land nun ab Mitte nächsten Jahres nicht mehr geben. Wenn sich nicht einiges dramatisch ändert!

Denn: Seit Jahren steigen die Haftpflichtprämien für Hebammen. Waren es 1981 noch umgerechnet rund 30 Euro und 1992 180 Euro im Jahr, so musste eine freiberufliche Hebamme 2003 bereits 1.350 € und 2010 schon 2.370 € jährlich berappen. Mitte letzten Jahres dann die jährliche Erhöhung auf nunmehr 4.480 €! Was für ein immenser Anstieg! 373 € pro Monat muss eine Hebamme also nun erstmal reinholen, um auf Null zu kommen und das bei einem Stundenlohn von umgelegt 7 bis 8,50 €. Denn Geburten und andere Leistungen werden pauschal bezahlt, egal ob die Hebamme 32 Stunden dabei ist oder es flugs geht und sie nur 2 Stunden gebraucht wird. Dazu die Rufbereitschaft, die von den Eltern mit einer Pauschale selbst bezahlt werden muss.

Warum steigen die Prämien so stark? Arbeiten Hebammen schlampig und müssen deshalb höhere Schadenssummen verantworten? Nein! Die Zahl der Schadensfälle hat sich nicht signifikant geändert. Aber die Höhe der zugesprochenen Leistungen je Fall ist in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. So werden heute nicht nur Behandlungskosten in voller Höhe angesetzt, sondern auch Verdienstausfälle und die Krankenkassen holen sich ihre Leistungen über Regressansprüche zurück. Dazu kommt die Spirale in Gang, dass schon seit Jahren mehr und mehr Hebammen ihren Beruf aufgeben und sich nur noch auf die Rundumbetreuung spezialisieren (Geburtsvorbereitungskurse, etc.), aber sich Geburtshilfe schlicht nicht mehr leisten können.

Dabei sind nicht etwa nur die verhältnismäßig niedrige Zahl an Hausgeburten betroffen, sondern ebenso Klinikhebammen, die freiberuflich arbeiten. Auch die festangestellten Hebammen sind von der immens hohen Versicherungsprämie betroffen, denn die zahlt dann das Krankenhaus und das muss natürlich auch wirtschaftlich handeln. Anderen Berufsständen im Gesundheitswesen droht bald eine ähnliche Situation! Viele Kliniken können sich auch gar keine festangestellten Hebammen leisten, so dass ein Aussterben faktisch bedeutet, dass diese Kliniken keine Geburtshilfe mehr anbieten können. Unvorstellbar, dass man - wenn es ernst wird - nicht einfach ins nächste Krankenhaus zum Gebären fahren kann (wenn man denn unbedingt ins Krankenhaus will ;-) ). In Schleswig-Holstein kursiert daher jetzt der Vorschlag, Gebärende doch mit dem Rettungshubschrauber nach Eutin zu fliegen, wo noch Geburtshilfe angeboten wird. Wie absurd! Ein Rettungsflug ist wirtschaftlicher als eine Hebamme, die mit ihrem Auto zum Ort des Geschehens fährt und dort unterstützt!

Hier muss schleunigst eine Lösung her, nach dem die E-Petition an den Deutschen Bundestag sowie Gespräche des Vereins Hebammen für Deutschland mit Frau Merkel persönlich in den letzten Jahren für keine Bewegung gesorgt haben. Lediglich die Vergütungssätze wurden minimal angehoben, was aber nicht mal ansatzweise den Prämienanstieg ausgleichen konnte. Da die Anwesenheit einer Hebamme bei jeder Geburt gesetzlich vorgeschrieben ist (nicht aber eines Arztes), ist fraglich, wie es ab nächstem Jahr überhaupt weitergehen soll. Ein staatlicher Fonds, der ab einer gedeckelten Summe die Behandlungskosten übernimmt, wäre wohl die einvernehmlich beste Lösung.

Dafür haben also am Samstag Hunderte Eltern auf der Domplatte in Köln sowie Tausende in anderen Städten demonstriert. Nitya, unsere Hebamme, hat uns wirklich super unterstützt und wir hätten uns die Geburt gar nicht anders vorstellen können, als zuhause und mit Hilfe einer Hebamme. Auch, als wir zu guter Letzt doch noch ins Krankenhaus mussten, war sie weiterhin an unserer Seite und unerlässlich!
Sohnemann war auch begeistert und hat fleißig applaudiert, wenn eine Rednerin oder ein Redner fertig war. Der Luftballon "Hebammen braucht die Welt" hat es ihm ebenso angetan:


Hier "unser" Schild (von Esther, die wunderschöne Geburtsfotografie betreibt, ich durfte auch mal halten):

Und noch ein Gesamtüberblick:

Das Medienecho war leider nicht so groß, aber immerhin ein paar Beiträge gab es im Fernsehen und online, so bei WDR, spiegel.de und aus anderen Städten auch kurz in der Tagesschau und bei RTL Aktuell.

Wer sich auch für Hebammen stark machen will, unterstützt am besten den Verein Hebammen für Deutschland.

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